Achtung, Tierschutz!

Tierschutz geht uns alle an

Tierschutz ist so ein wichtiges Thema, das auch uns am Herzen liegt, und gleichzeitig ist er ein weites Feld, wo es sich lohnt, genau hinzuschauen.

Gerade heute bin ich in den sozialen Netzwerken über ein Video gestolpert, in dem ein Hund, in ein Bärenkostüm gezwängt, in menschlicher Pose auf die Couch ge”setzt” wurde, mit einem Bauchladen voller Donuts und anderer “Leckereien” auf dem “Schoß”, in Anlehnung an den Freitagabend seines zweibeinigen Halters vor dem Fernseher. Denjenigen Wenigen, die es nicht wussten, sei gesagt: Hunde sitzen nicht mit den Hinterläufen nach vorn. Und das war neben der Körpersprache des stark hechelnden Hundes mit aufgerissenen Wal-Augen nur ein Detail der Inszenierung, das mir bitter aufgestoßen ist – von der tierischen Würde mal ganz abgesehen. Dass unser eigenes Haustier nicht 24 Stunden der (ausschließlich menschlichen) Belustigung dient, sehen wir vermutlich alle so. Warum aber gehen wir dann so weit und verbreiten solche Filmchen? Die Antwort ist vermutlich einfach: Solange rechtlich die für “Sachen” geltenden Vorschriften wie bisher auch auf Tiere anwendbar bleiben, ziehen wir eben einen Unterschied zum Menschen, was ja auch grundsätzlich richtig ist. Aber gilt das auch fürs Zurschaustellen von Lebewesen in Bedrängnis? Den Menschen will keiner sehen, wie er angekettet in einer Ecke sitzt oder in geschmacklosen Klamotten lächerlich gemacht wird. Und wenn es doch einmal soweit kommt, kommt aus jeder virtuellen Ecke die Moral-Polizei. Nicht auszudenken, wenn es dann noch um Kinder geht.

Bild: Pixabay

Tränen und Wut sind schlechte Berater

Tiere eignen sich wunderbar, um unsere Emotionen und Urinstinkte zu wecken. Genau daran docken niedliche Katzenbilder an, tollpatschige Welpenvideos und leider eben auch Szenen wie die oben genannte. Dasselbe gilt für verzweifelte Vermittlungsaufrufe mit an die Moral appellierenden Texten, in denen die Bilder, die wir zu Gesicht bekommen, nicht gerade die schönsten sind. Und wie schwierig ist es für den Laien, aus der Ferne einzuschätzen, wie viel Wahrheit in einer Veröffentlichung steckt, oder wie seriös eine Tierschutzorganisation arbeitet. Wie oft liest man unter solchen Postings Rechtfertigungen gänzlich fremder Menschen, warum sie diesen Hund oder jene Katze gerade jetzt nicht bei sich aufnehmen können. Weil der eigene Senior nur noch schlecht laufen kann und gestresst reagieren würde, weil der Vermieter keine Haustiere erlaubt, oder weil die Tochter eine starke Tierhaarallergie hat. Und genau so häufig liest man “in Liebe geteilt”. Manchmal sogar, dass jemandem beim Lesen des Beitrags die Tränen in den Augen standen. Dabei sollte doch im Sinne der Tiere eins sonnenklar sein: Die Entscheidung für ein neues Familienmitglied sollte nicht aus einem Impuls heraus getroffen werden – und vor allem bitte nicht wegen ein paar Tränchen vor dem PC! Dazu gibt es viel zu viele Fragen und Aufgaben, über die man sich im Vorfeld sorgsam Gedanken machen sollte.

Geben Sie nichts auf Hörensagen

Wer mit der Überlegung schwanger geht, sich einen Second-Hand-Hund zuzulegen, hat es, neben den üblichen Vorüberlegungen, nicht leicht, sich auf dem “Tierschutzmarkt” zu orientieren. Manch Einer mag jetzt aufschrecken – in diesem Zusammenhang von “Markt” zu sprechen, sei frech oder gar polemisch und werde vor allem dem Kern der Sache nicht gerecht. Das ist leider nur die wünschenswerte Seite der Medaille. Die Wahrheit ist: Selbst erfahrene Tierschützer beklagen auf ihrem Sektor Ellenbogenmentalität, Profitgier und miese Grabenkämpfe, die häufig über soziale Netzwerke ausgetragen werden. Da werden Vereine öffentlich denunziert und dazu aufgefordert, ihre Zahlen offen zu legen, man redet darüber, welche Tiere sich “besser” oder “schlechter” vermitteln lassen, oder es wird auf ganz fiese Art persönlich. Letzteres ist in Diskussionen bei Facebook und Co. ja nichts Ungewöhnliches mehr. Hinter einem Bildschirm lässt sich leicht verstecken, und geschrieben fallen Beleidigungen und Beschimpfungen deutlich leichter als Aug’ in Aug’. Den Ausspruch “Tierschutz ist Tierschmutz” habe ich inzwischen mehrfach gelesen, zum ersten Mal gehört habe ich ihn allerdings von einer Tierschützerin, die ihr ganzes Herzblut in ihre Projekte steckt und nicht selten frustriert ist von den Ungerechtigkeiten, die unter dem Deckmäntelchen der sozialen Verantwortung ausgelebt werden.

Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen!

“Was habe ich damit zu tun? Sollen die das doch untereinander machen.” Könnte man denken, sich einfach umdrehen und weiter Hundebildchen klicken, auf der Suche nach dem traumhaften Familienhund, den man sich schon immer gewünscht hat. Kann man machen, ist aber nicht die schlaueste Idee. Schlauer wäre, beim Scrollen durch den Vermittlungskatalog auf dem Schirm zu haben, dass Steckbriefe und Fotos in vielen Fällen nicht nur auf Mitgefühl abzielen, sondern auch unter emotionalem Druck verfasst wurden. Nicht nur das potenziell neue Frauchen fühlt Stress, wenn es niedliche Welpenbilder sieht und dann lesen muss, dass Sputnik, Aida und Henry aller Wahrscheinlichkeit in einer Woche getötet werden, wenn sie kein “Fürimmerzuhause” – oder wenigstens eine “liebevolle Pflegestelle” – finden. Das geht auch den Vermittlern so, welche die Tiere aus Rumänien oder Portugal gemeldet bekommen. Selbst den Tierschützern vor Ort, die den Wurf aus der Mülltonne geschält haben, zerreißt es das Herz. Und bitteschön: Wie soll es auch anders sein? Es ist und bleibt abartig, welchen Stellenwert unsere liebsten Haustiere im süd- und osteuropäischen Raum haben. Und die Bilder von ausgezehrten, parasitenbefallenen Tieren tun jedem gesunden Menschen körperlich weh. Die Überpopulation durch unkontrollierte Vermehrung ist ein echtes Problem.

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Die meisten Tierschutzgesetze im dortigen Ausland sind mehr als fragwürdig, man denke nur an die Tötungsstationen. Dennoch: Nicht jeder Straßenhund ist unglücklich mit seiner Situation, man kann nicht jedes Tier retten, und es macht schon gar keinen Sinn, in Rumänien die Straßen leer zu fegen und alles Getier in die Niederlande oder nach Deutschland zu verfrachten. Ein Umdenken in Richtung Eigenverantwortung der Anderen erreicht man so nicht. Wahr ist auch, dass unsere Tierheime eigentlich voll genug sind und auch nicht jedes Tier mit einem festen Zuhause von goldenen Löffeln frisst.

Auch der Mensch hat Respekt verdient

Der Weg zu unserer Golden Doodle Hündin, die im Übrigen auch aus dem spanischen Tierschutz stammt, war ein schmerzvoller mit größeren Umwegen. Mit einer leichten Hundehaarallergie gehöre ich nicht zu den Lieblingsklienten von Tierschutzvereinen, um es milde auszudrücken. Und ich gebe zu, ich hatte zum damaligen Zeitpunkt wenig Ahnung. Mein Mann und ich verbrachten zunächst unsere Wochenenden mit Tierheimbesuchen. Unsere erste Spur führte zu einem 9 Jahre alten Rottweiler, der schon zum zweiten Mal wegen Tod seiner Bezugsperson im Tierheim gelandet war. Gizmo war ein toller Hund für ein Paar wie uns, das sich verantwortungsvoll und vorsichtig als “Hundeeltern” ausprobieren wollten. Dass er liebevolle, aber konsequente Erziehung genossen hatte, zeigte er mit vorbildlichem Verhalten sowohl an der Leine, als auch im Freilauf, wo er sogar auf Sichtzeichen aus der Ferne reagierte. Und aufgrund des für seine Rasse weit fortgeschrittenen Alters wäre er ein dankbarer Begleiter für faule Herrchen gewesen – zu weite Spaziergänge waren für ihn schon deutlich anstrengend. Gizmo erkannte uns bei unseren wöchentlichen Besuchen jedesmal wieder, was uns rührte, umso blöder war der Moment, als das zu Testzwecken mit seinem Speichel und Haaren benetzte Handtuch zuhause zu Ausschlag und Niesattacken führte. Bei besagtem Tierheim waren wir in diesem Moment unten durch. Obwohl wir von Anfang an Tacheles gesprochen hatten und vor allem angekündigt, dass wir den Hund sowohl behutsam anschauen als auch eine allergische Reaktion meinerseits ausschließen möchten, bevor wir eine Entscheidung treffen, um Gizmo das dritte Wiedersehen mit den Tierpflegern zu ersparen. Für den Moment war ich durch mit dem Versuch, den passenden Hund zu finden, und ich war enttäuscht, wie man mir als verantwortungsvollem Menschen so respektlos begegnen konnte.

Welpen gehören zu ihrer Mutter

Monate später quälte der Wunsch nach einem vierbeinigen Begleiter so sehr, dass wir es noch einmal versuchen wollten. Diesmal fanden wir den Weg über eine allergikerfreundliche Rasse sinnvoller, um uns den Weg zur Entscheidung zu verkürzen. Recherchen legten mir Wasserhunde nahe, also Lockenhunde ohne Unterwolle und führten uns schnurstracks in die Montagewohnung eines Vermehrers. Ein “Freund” des Besitzers, der in gebrochenem Deutsch mit russischem Akzent mit Händen und Füßen erklärte, die zwei übrig gebliebenen Welpen (6 Wochen alt) seien durch ihre Geschwister, die erst vor einer Stunde abgeholt wurden, bestens sozialisiert. Der Halter sei arbeiten, und er, also der “Freund”, komme 2x am Tag, um nach dem Rechten zu sehen und gehe mit den Hunden nach draußen. Wo die Mutter sei, könne er nicht beantworten. Die Wohnung stank bestialisch nach Urin. Die beiden Lagotto Romagnolos waren zuckersüß, aber ein grausiges Abbild des Jammers. Mein erster Impuls hätte die armen Hundebabies gern mitgenommen, weil sie ganz offensichtlich verwahrlosten. Heute bin ich froh, dass mein Verstand mir dies verboten hat – und gleichzeitig wütend, wie machtlos man diesen Dingen gegenüber steht. Auch der folgende Perro de Agua “Rocky”, den wir eine Woche lang als Pflegehund betreuten, blieb nicht für immer. Mit ihm erlebten wir am eigenen Leib die Schattenseiten der Arbeit von Auslandstierschützern. In deutschen Tierheimen einen Wasserhund zu finden, grenzt an ein Wunder. Der Ruf des Pudels als gepuderter “Alte-Leute-Hund” hat letztlich verhindert, dass wir einfachere Wege gegangen sind. Und jede Menge Unkenntnis. Wer nach einem Wasserhund sucht, landet zwangsweise auf Internetseiten vom Auslandstierschutz.

Fragen über Fragen – das Prozedere

Wer sich für einen Hund aus dem Tierschutzverein interessiert, füllt zunächst eine Art Bewerbungsbogen aus, in dem grob die Eckdaten abgeklopft werden. Folgende Fragen tauchen darin neben denen zu Ihren persönlichen Daten so oder so ähnlich auf:

In welcher Umgebung leben Sie?
Wie groß ist Ihr Haus/Ihre Wohnung?
Gibt es einen Garten?
Wo soll sich der Hund tagsüber aufhalten?
Wo soll sich der Hund aufhalten, wenn Sie nicht zuhause sind?
Welche Plätze/Räume darf der Hund nicht betreten?
Arbeiten Sie, wenn ja, welcher Stundenumfang?
Wie viele Personen leben im Haushalt? Wie viele davon sind Kinder?
Hat jemand in ihrem Haushalt eine Tierhaarallergie?
Leben bei Ihnen weitere Tiere?
Mussten Sie sich schon einmal von einem Tier trennen?
Wer sorgt für den Hund, wenn Sie einmal krank werden oder sich aus anderen Gründen einmal nicht kümmern können?
Wie planen Sie Ihre Urlaube?
Haben Sie bereits Hundeerfahrung? Wenn ja, berichten Sie darüber.
Möchten Sie eine Hundeschule besuchen?
Wie viel Zeit planen Sie für die täglichen Spaziergänge ein?
Welche Aktivitäten planen Sie mit ihrem Hund?
Welche Eigenschaften wünschen Sie sich von Ihrem Hund?
Welche Eigenschaften darf er auf keinen Fall besitzen?
Warum haben Sie sich für den ausgesuchten Hund entschieden?
Aus welchen Gründen könnte es passieren, dass Sie den Hund später wieder abgeben müssen?
Wo ist Ihnen eine Abholung des Tieres möglich, sollte es eine weite Anreise haben?

Die Fragen sind durchaus berechtigt, denn irgendwie müssen die Vereine ein Gefühl dafür entwickeln, ob der potenzielle Adoptant zum ausgesuchten Hund passt. Andererseits sind einige Fragen durchaus sehr persönlich, und es ist offensichtlich, dass viele Fragen im Grunde nur rhetorischer Art sind bzw. bestimmte Antworten nicht gern gelesen werden. Dabei bleibt fraglich, inwieweit ein Stück Papier einem gerecht werden kann, inwieweit es abbilden kann, ob und inwiefern man sich als Hundehalter eignet. Es gibt Hundemenschen, die aufgrund ihrer Arbeit viel abwesend sind und es dennoch schaffen, ihren Vierbeiner in ihrer Freizeit vorbildlich auszulasten, sodass der Hund durchaus ein glückliches und artgerechtes Leben führt. Und dann gibt es Herrchen und Frauchen, die zwar den ganzen Tag mit dem Tier verbringen, aber immer noch glauben, dass drei kurze Gänge an der Flexileine um den Block und zwei Mahlzeiten am Tag ausreichen für ein lebenslanges Hundeglück. Dasselbe gilt in ähnlicher Form für jeden anderen Punkt. So entscheidet beispielsweise nicht das Vorhandensein eines Gartens oder das Wohnen auf dem Land über ein artgerechtes Leben. Gute Tierschutzvereine orientieren sich an den Bedürfnissen der zu vermittelnden Tiere. Und es gibt durchaus Kandidaten, die “anspruchslos” in der Haltung sind, die wenig Bewegung benötigen – oder weniger Bindung an den Menschen. Bei den Rassehunden empfiehlt sich da ein wenig Recherche, um bis auf die individuellen Eigenarten, die natürlich auch jedes Tier hat, herauszufiltern, was passt und was eben auch nicht passend gemacht werden kann. Ein Hütehund in einer für ihn ungeeigneten Umgebung machen weder dem Hund, noch dem Halter Spaß. Ein anfangs unterschätzter Jagdhund benötigt sehr viel menschlichen Ehrgeiz. Mischlingshunde sind häufig Wundertüten und auch nicht durch die Bank einfach zu händeln. Im Grunde genommen sollte man bei der Auswahl eines Tierschutzhundes ein Vielfaches der Zeit, die man mit Betrachten von Bildern verbringt, in das Studieren der Steckbriefe investieren. Leider beobachten wir häufig, dass diese außer der Herkunft des Hundes nur wenig Informationen beinhalten, was natürlich in der Natur der Sache liegt. Gerade erst von der Straße “gerettet”, kann über einen Rüden in der Tötungsstation noch nicht viel gesagt werden. Noch nicht einmal die Leinenführigkeit kann zu diesem Zeitpunkt beurteilt werden, weil der Hund bei der Vielzahl an fremden Eindrücken sich nicht so verhält, wie er es in gewohnter Umgebung tun würde. Mit Glück können schon gewisse Grunderkrankungen identifiziert oder ausgeschlossen werden. Aussagen über Jagdtrieb, Familien- und Kinderfreundlichkeit, “will to please”, Ängste oder Ähnliches in diesem Stadium des Vermittlungsprozesses sind mit äußerster Vorsicht zu genießen. Aber: Das ist nicht schlimm! Man muss es nur wissen. Und man sollte es unbedingt einschätzen können. Vor allem, wenn der Vierbeiner schon älter ist. Bei Welpen ist die Chance natürlich größer, selber mehr Einfluss auf den Sozialisations- und Entwicklungsprozess nehmen zu können. Wobei hier dazu gesagt werden muss, dass die Prägephase mit 16 Wochen abgeschlossen ist. Das ist genau der Zeitpunkt, wann Welpen aus dem Ausland einreisen dürfen. Hierzu ist nämlich das Vorliegen einer gültigen Tollwutschutzimpfung nötig. Die Impfung ist aber erst mit 12 Wochen möglich, und der Impfschutz ist erst frühestens 21 Tage nach der Impfung wirksam.

Bild: Pixabay

Sehen Sie genau hin!

Rocky, der Perro de Agua Rüde, war acht Monate alt, als er nach Deutschland kam, und im Steckbrief war nichts zu erkennen, das ausgesagt hätte, dass er nicht der ideale Hund für uns sein sollte. Er war gechipt, geimpft und negativ auf Mittelmeerkrankheiten getestet, und auch ansonsten schien er pflegeleicht. Nachdem wir das Bewerbungsformular ausgefüllt und mit dem Tierschutzverein telefoniert hatten, vereinbarten wir einen Termin zur Vorkontrolle, was also der nächste Schritt im Vermittlungsprozess ist und von fast allen Tierschutzvereinen durchgeführt wird. Wir bekamen Besuch und beantworteten im Grunde die gleichen Fragen noch einmal, die wir vom Fragebogen kannten, und die Dame vom Verein notierte unsere Antworten. Außerdem hatten wir genug Zeit, unsere Fragen zu stellen und ließen uns erklären, wo ein guter Ort für den Hundekorb sein könnte, welches Futter wir nehmen könnten und so weiter. Das Gespräch war für uns sehr angenehm, und es lag wohl an der Art der Person, dass wir uns nicht “kontrolliert”, sondern “beraten” fühlten. Rocky sollte erst als Pflegehund kommen, und wir würden nach kurzer Zeit entscheiden, ob wir ihn adoptieren. Am Flughafen nahmen wir einen extrem verschüchterten Hund entgegen, der sich aber geduldig gefallen ließ, dass wir ihn an der Leine durch das Gewusel zum Auto führten und der es sich während der Fahrt vertrauensvoll auf meinen Schoß begab. Was blieb ihm auch Anderes übrig? Über den Grund, warum Rocky noch eine Woche lang spanische Antibiotika nehmen sollte, machte ich mir zunächst wenig Gedanken. Man hatte mir erklärt, dass der “Husten” wohl von der Klimaanlage im Flugzeug käme und “Durchfall” nach so viel Aufregung, vor allem auch wegen der Ernährungsumstellung, normal sei. Ohne zu ausführlich werden zu wollen, stellte sich heraus, dass Rocky mit einer in Spanien nicht näher identifizierten und prophylaktisch breitband-antibiotisch behandelten Infektion eingereist war. Er reagierte mit starken Nebenwirkungen (schwacher Puls, Kreislaufbeschwerden, Schwäche), die nach jeder Medikamentengabe zunehmend schlimmer wurden, sodass ich mir nach zwei Tagen nachts telefonisch tierärztlichen Rat holte. Das Medikament war stark überdosiert und in seinem Alter und für einige Erkrankungen nicht nur nicht geeignet, sondern sogar kontraproduktiv. In Deutschland wird es in der Dosierung gar nicht ausgegeben. Man empfahl mir, sofort die Medikamente abzusetzen und in jedem Fall am nächsten Morgen vorzusprechen. Im Ergebnis wurde Rocky uns entzogen, weil der Verein davon ausging, dass er durch unsere Haltung krank wurde und wir uns darüber hinweg gesetzt hätten, einen Tierarzt erst zu kontaktieren, nachdem wir Rücksprache hätten halten sollen. Nachts??? Wie dem auch sei. Im Nachhinein stellte sich über die folgende Pflegestelle heraus, dass der Hund schon krank ausgereist war, der Tierschutzverein darüber selbst nichts Genaueres gewusst hatte, ein deutsches Medikament ihm gut half und schließlich, dass man uns neben der Infektion noch weitere Details verschwiegen hatte.

Keine Sorge: Jeder kommt zu “seinem” Hund

Über die sympathische Tierschützerin, die bei uns die Vorkontrolle durchgeführt hatte und einem anderen Verein angehörte, kamen wir schließlich doch noch zu unserem “allergikerfreundlichen Lockenhund”, einem Golden Doodle. Lilly war bei ihrer Einreise deutlich jünger, nämlich erst 16 Wochen alt. Mit ihr hatten wir absolutes Glück – als Welpe aus einer aufgelösten Hobbyzucht einer britischen Familie in Spanien hatte sie nichts Negatives erlebt. Außerdem hatte sie die letzten Wochen vor ihre Ausreise mit ihren Geschwistern zusammen in einem Rudel einer deutschen Tierschützerin gelebt. Somit war sie bestens sozialisiert, konnte perfekt “hündisch” und kannte auch Menschen schon als verlässliche Rudelpartner. Wir sind beiden Frauen gegenüber, die uns zu unserem Glücksgriff verholfen haben, mehr als dankbar.

Manchmal ist es schwer genug, sich einfach nur bürsten zu lassen…
Bild: Start ins – neue – Leben

Training ist auch Tierschutz

Unsere Erfahrungen bzw. vor allem die Voraussetzungen, die wir mit in die Suche eingebracht haben, sind sehr speziell. Wahrscheinlich war auch eine Portion Zufall dabei, dass ausgerechnet wir dreimal hintereinander an Menschen gerieten, mit denen wir freiwillig keinen Kontakt mehr aufnehmen würden. Man muss sich weder im Tierheim, noch am Telefon respektlos behandeln lassen, und von Tier-Kleinanzeigen aus dem Internet lässt man wohl auch besser die Finger. Erfahrungsberichte von Freunden oder Bekannten mit Hund sind einen Austausch wert, wenn es darum geht, den Familienzuwachs zu planen. Oft sind Projekte oder Vereine, welche der Tierarzt oder ein Hundetrainer einem ans Herz legen, ratsamer. Wir möchten mit unserem Verein ausdrücklich keine Vermittlungsempfehlung aussprechen. Das können wir auch gar nicht, denn so verschieden Tierschutzvereine sind, so unterschiedlich sind auch die Bedürfnisse von Menschen und Hunden. Jeder muss das tun, was er für richtig hält. Dennoch gibt es ein Projekt, das uns mit seinem Ansatz am Herzen liegt: Die Hundetrainerin Perdita Lübbe-Scheuermann hat sich zum Ziel gesetzt, verhaltensauffällige, nicht vermittelbare Hunde aus Tierheimen mit Spendengeldern, Pensionsplätzen und intensivem Training dahin zu führen, dass sie wieder “zurück ins Leben”, also vermittelt werden, können. Und genau so heißt auch das Projekt: Start ins – neue – Leben. Sie ist damit sehr erfolgreich, aber die Trainingsplätze sind rar. Der Bedarf ist groß, weshalb Frau Lübbe-Scheuermann mittlerweile deutschlandweit mit zertifizierten Trainern für “Arbeiten mit aggressiven Tierheimhunden” zusammen arbeitet. Wer eine Hundeschule besucht oder einzelne Stunden bei einem Hundetrainer bucht, kann sich vorstellen, dass eine zeitlich umfangreiche und derart spezifische Vollzeitbetreuung ein kostspieliges Unterfangen sein muss. Die Hunde im Projekt sind nach Abschluss der Trainingsphase immer noch keine kuscheligen Anfängerhunde und somit auch nicht für Jedermann geeignet. Das Training muss weitergeführt werden, damit keine Rückschritte auftreten. Wer dafür ambitioniert genug ist oder schon positive Erfahrungen mit anfangs verhaltensauffälligen Hunden gemacht hat, bringt vielleicht den Mut auf, sich die immer ehrlichen Steckbriefe der Vermittlungshunde anzusehen. Aber es gibt auch andere Wege, Start ins Neue Leben zu unterstützen. Damit können Sie gar nichts falsch machen!

Ist Ihr Hund auch aus dem Tierschutz? Ihre Erfahrungen interessieren uns – besonders natürlich die positiven. Aber auch Negatives und Kritik halten wir aus. Die Kommentarfunktion ist schließlich nicht zum Spaß da!

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